Plastikkorallen oder die post-anthropische Evolution
Im 20. und 21. Jahrhundert hat die Menschheit soviel Technopolymere erzeugt und abgelagert, dass Plastik weltweit zu einer “natürlichen” Ressource geworden ist. Zahlreiche Lebewesen reagieren auf die Verfügbarkeit dieses Rohstoffes und integrieren ihn in ihren Metabolismus. Hinweise auf ein Leben nach dem Anthropozän?
Wenn zukünftige Geologen (seien es biologische oder technologische Nachfahren des Homo Sapiens oder Vertreter einer ausserirdischen Spezies) dereinst unser gegenwärtiges Zeitalter datieren, wird ihnen dazu ein Sediment dienen, das in keiner der darunter liegenden Schichten zu finden ist - Plastik. Es ist bezeichnend, dass wir das gegenwärtige Zeitalter nach uns selbst benannt haben und es steht zwar ausser Zweifel, dass die Gattung Homo Sapiens einen äusserst zerstörerischen Einfluss auf die Ökologie unseres Planeten ausübt, doch auch das Anthropozän wird vorübergehen. Neueste wissenschaftliche Studien zeigen, wie sich manche Tier- und Pflanzenarten an die vom Menschen veränderte Umwelt anpassen. Das Phänomen Leben hat schon Schlimmeres überstanden, sagt Prof. Heike L. Hoechst-Fragwürdig, Evolutionsbiologin am Fidji Institute for Fishy Studies. Ihr Spezialgebiet sind biologische Mutationen in den sauerstoffarmen, übersäuerten Weltmeeren, die eine besonders hohe Konzentration an Plastik aufweisen. In ihrem neuen Buch “Wildes Ploymerika” wirft Hoechst-Fragwürdig einen Blick darauf, wie sich manche Arten das menschliche Abfallprodukt Plastik zu Nutze gemacht haben.
Plastikkorallen
Korallen sind winzige sessile Tiere, die durch Einlagerungen von Kalk Skelette bilden, die im Laufe von Jahrtausenden gewaltige Riffstrukturen in den Weltmeeren geschaffen haben. Einst zählten sie zu den artenreichsten marinen Lebensräumen, doch zunehmende Erwärmung und Übersäuerung der Meere führten zum kontinuierlichen Niedergang der Korallenriffe. Doch in den letzten Jahren beobachten Meeresbiologinnen ein erstaunliches Comeback. Vielerorts spriessen neue bunte Strukturen aus den bleichen Kalkskeletten. Da die sauren Meere die Bildung neuer Kalkschalen hemmen, haben die Korallen begonnen ihre Exoskelette aus Material zu formen, das im Überfluss verfügbar ist: Plastik. Es ist nicht mehr Calciumcarbonat, das die Tiere aus ihrem Ektoderm aussondern sondern Polyethylenterephthalat (PET) das jahrzehntelang zur Herstellung von Kunsstofflaschen, Folien und Textilfasern verwendet wurde.
Nylonquallen
In den wachsenden Polymer-Riffen treiben perfekt getarnt im schwimmenden Plastikmüll Exemplare völlig neuer Quallenarten, deren Exodermis aus Polyethylen (PE) besteht. Als lebende Plastiksackerln haben sich diese Nesseltiere an die veränderten Umweltbedingungen angepasst.
Die teuersten Perlen der Welt

Nur Experten können den Unterschied zu billigster Massenware feststellen, dennoch erzielen natürlich gewachsene Plastikperlen als begehrtes Luxusprodukt Höchstpreise in den Klimakuppeln. Gleichzeitig bildet die Plastikperlentaucherei für die indigene Prä-CRISP-Restbevölkerung Polymerikas eine der wenigen Einnahmequellen für Coins. Grundlage dieses marginalen Wirtschaftszweigs sind bestimmte Mutationen der Pinctada-Perlmuschel, wie sie in besonders plastikreichen Meeren vorkommen. So hat die Pinctada Polymerika begonnen ihr “Perlmutt” nicht mehr aus Calziumcarbonat sondern aus dem im Pazifik allgegenwärtigen somit leicht verfügbaren Mikro-Plastik herzustellen.
“Das Leben auf unserem Planet hat schon viel schlimmere Katastrophen als die menschliche Zivilisation überstanden. Als im Präkambrium vor ca. 2,4 Milliarden Jahren einige unscheinbare Bakterien anfingen, mittels Photosynthese Energie aus Licht zu gewinnen, füllten sie langsam aber stetig die Hydro- und Atmosphäre mit dem toxischen Abfallprodukt Sauerstoff. Die Folge war das schlimmste Massenaussterben der Erdgeschichte - die grosse Sauerstoffkatastrophe. Beinahe alle (damals sämtlich anaeroben) Lebewesen gingen in den veränderten Bedingungen zu Grunde. Doch einigen gelang die Nutzbarmachung des freien Sauerstoffs und aus der Katastrophe eröffneten sich der Evolution neue Wege, die über die Entwicklung von Eukarioten zu mehrzelligen Organismen und in weiterer Folge zu uns selbst führten. Wir mögen die Grundlage für unser eigenes Überleben zerstören, doch die Evolution der Biosphäre, das millionenfach verzweigte Phänomen Leben an sich, der lebendige Strom entgegen der Richtung zunehmender Entropie wird mit oder ohne Menschen weitergehen.” (HOECHST-FRAGWUERDIG, Heike L: Wildes Polymerika, Fishy Studies)
Pythia Pseftis