Almageddon - Hirten im Hüttenoffice
Almageddon - Hirten im Hüttenoffice
Traumjob Hirte - ein Sommer auf der Alm: Geruhsam zerkauen glückliche Kühe saftige Alpenkräuter zu hochqualitativer Bergbauernmilch. Ausgelassen springen wohlgenährte Jungtiere durchs atemberaubende Panorama und formen ihre vor Gesundheit strotzenden Körper zu Spitzenprodukten am internationalen Fleischmarkt. Die Fährnisse der modernen Konsumgesellschaft für eine Zeit hinter sich lassen und am Busen der Natur Frischluft tanken. Hartnäckig halten sich romantische Vorstellungen über den Job eines Hirten. FUTURENEWS wirft einen Blick auf die Realität des modernen Almwesens.

Kanye Kasbacher ist Hirte auf der Haxnalm im Dumpertal, Gemeindegebiet Schatters. Im Winter arbeitet der gelernte Agrar-Informatiker als Netzwerkbetreuer der Schatterer Bergbahnen. Auf die Alm zu gehen hat bei den Kasbachers Tradition. Bereits Urgroßvater Kanzian, Großvater Karl und Vater Kevin Kasbacher haben als Hirten auf der Haxnalm gedient. Die Hütte ist spartanisch mit dem Notwendigsten eingerichtet: Mikrowellenherd, Kaffeemaschine, mehrere hochauflösende Monitore, Quanten-PC. Wegen der hohen körperlichen Belastung hat sich Kanye einen bequemen rückenstabilisierenden Gamer-Stuhl und eine orthopädische Maus angeschafft. Am Dach der Hütte steht ein 7G Mobilfunkmast und das Herzstück der Alm: ein 3-Meter Parabolspiegel, der eine hocheffiziente Internetanbindung via Starlink gewährleistet und eine ständige Verbindung zu den Satelliten des europäischen CPS (Cow-Positioning-System) aufrecht erhält. Knapp 200 Stück Gallvieh (Jungtiere) betreut Kasbacher. Anstatt der Hörner ist jedes Tier mit zwei hochwertigen CPS-Antennen (Sender und Empfänger) ausgestattet, deren Akkus sich aus der Bewegungsenergie beim Wiederkäuen speisen. Kanye kann jede Bewegung der Tiere in Echtzeit auf seinen Monitoren verfolgen und aufzeichnen. Es sei vor allem die einmalige Infrastruktur, die Kanye an seinem Job schätzt, erklärt er im Zoom-Interview. Besonders angetan hat es dem jungen Hirten das neue Wireless-Zaunsystem. Aufwendiges Zäunen und bewegungsintensive Wartungsarbeiten gehören damit der Vergangenheit an. Statt dessen hat die Agrargemeinschaft Schatters als Betreiber der Haxnalm in ein Wireless Fence Upgrade investiert. Es ermöglicht den CPS-getrackten Tieren einen ungefährlichen aber schmerzhaften Stromschlag zu verpassen, wenn sie sich den Grenzen des definierten Almgebiets zu sehr nähern. Je nach Zustand der Weide, kann Kanye das System konfigurieren und damit den jeweiligen Abschnitt zur optimalen Abweidung freischalten. Müssen die Tiere über grössere Distanzen getrieben werden, kommen die schwarmintelligenten Treiber-Drohnen zum Einsatz. Damit werden auch die Salzlecksteine im Weidegebiet verteilt und erneuert. Das grösste Problem der modernen Almwirtschaft, erklärt Kanye, sei die Wasserversorgung. Die Weiden versteppen in den oft regenlosen Sommern, beziehungsweise versickert das Wasser der kurzen, gehäuft auftretenden Starkregen allzu schnell im erodierenden Erdreich. Man muss künstlich bewässern. Beständig konkurriert man mit den Betreibern der Schneekanonen um Zugang zu den Reservoirs, die das letzte Wasser der geschmolzenen Gletscher noch hinter Staumauern halten. Doch die Agrargemeinde Schatters ist gut aufgestellt. Eben erst wurde das Staubecken des ehemaligen Dumper-Ferners mit frischem Schelfeis aus der russischen Arktis nachgefüllt. Die über den Wintertourismus und eine großzügige Politik bei der Umwidmung aufgelassener Höfe in Zweitwohnsitze aufgebauten Beziehungen zu diversen russischen Oligarchen machen sich bezahlt. Es ist auch diese nach wie vor fleischaffine Klientel, die einen Teil des produzierten Fleischs abnimmt. Milch wird auf der Haxnalm keine mehr produziert. Nach starken Einbrüchen des Markts wegen zunehmender Laktoseintoleranz in der Bevölkerung hat man sich ganz auf Jungvieh spezialisiert. Das eigentliche Geschäft, erklärt Kanye, sichern lukrative Verträge mit Zoobetreibern in verschiedenen europäischen und asiatischen Ländern, die das Tiroler Rindfleisch als Qualitätsfutter für Wölfe und Luchse ankaufen. Trotz der starken körperlichen Belastung vor allem für Rücken, Nacken, Handsehnen und Augen geniesst Kanye seinen Almsommer in vollen Zügen. Bisher musste er die Hütte kein einziges mal verlassen. Im Herbst nach dem Abtrieb, wenn es zurück ins Tal geht, möchte er vielleicht ab und zu ins Fitnessstudio gehen. “Schauma mal” meint der Vollbluthirte verschmitzt lächelnd am Ende unseres Gesprächs.
Pythia Mendax