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# Elektrischer Honig
- URL: https://futurenews.space/elektrischer-honig/
- Published: 2019-03-16T23:30:00.000Z
- Updated: 2026-10-01T04:51:15.000Z
- Author: Teiresias Münchhausen
- Tags: #Import 2026-09-30 06:24

**Mitte des 21\. Jahrhunderts entkam ein selbstreproduzierender Mikrodrohnen-Schwarm vom International Thermonuclear Experimental Reactor ITERim Süden Frankreichs. Die Insektoiden gelten als erstes künstliches Lebewesen und haben sich trotz ihrer Abhängigkeit von Infrastruktur der menschlichen Kontrolle entzogen. Techno-Biologe und Drohnenimker Zumbido Zalazar spricht über die *vierte Domäne* des Lebens.**

Zumbido Zalazar hatte eine gute Ernte. Die Mini-Akkus, die er seinen Drohnenstöcken entnommen hat, gelten als extrem leistungsfähig und erzielen weltweit Höchstpreise. Nun gilt es die Völker mit Lithium aufzufüttern. Jede Mikrodrohne trägt in sich einen Silizium-Lithium-Ionen Akku. Ausgestattet mit Sensoren, die auch schwächste elektromagnetische Felder aufspüren können, schwärmen die Arbeiterdrohnen aus und suchen stromführende Infrastruktur des Menschen auf, wo sie sich induktiv aufladen. Zum Stock heimgekehrt, wird ein Stromüberschuss in Wabenakkus eingelagerten. Mit dieser Energie werden im Stock neue Exemplare gebaut. Wird der Platz zu eng, schwärmt ein Teil des Drohnenvolkes aus und gründet seinen eigenen Stock. Die einzige Beschränkung für eine unbegrenzte Vermehrung dieses auf Erhalt und Wachstum ausgerichteten Konzepts, ist die Verfügbarkeit der chemischen Grundbausteine - Magnesium, Metalle und Polymere für die Körper und Silizium und Lithium für die Akkus. Diese werden von den Arbeiterdrohnen gesammelt und in den Stock eingebracht. Während Magnesium unter anderem aus dem Blattgrün von Pflanzen gewonnen werden kann, Silizium aus Sand und silicathaltigem Gestein, ist Lithium rar. Die Drohnen beziehen es meist von Mülldeponien, oder sie erhalten es von Zumbido Zalazar, nachdem er einen Teil der Waben entnommen hat. Es ist die begrenzte natürliche Verfügbarkeit dieses Elements, die es dem Drohnenimker ermöglicht, in eine symbiotische Beziehung mit den Insektoiden zu treten. Ursprünglich wurden die Drohnen am International Thermonuclear Experimental Reactor ITERentwickelt, um die elektromagnetischen Felder in und um den Fusionsreaktor zu überwachen. Neben ihrer Fähigkeit zu kontaktlosem Aufladen wurden die schwarmintelligenten Maschinen auch mit selbstdiagnostischer Software und der Fähigkeit zur Autoregeneration ausgestattet. Offensichtlich hat man es mit der Autarkie der Maschinen etwas übertrieben, denn schon bald liessen die Drohnen von ihrer vorgesehenen Überwachungstätigkeit ab und machten sich auf und davon. Während die Einen von einem technologischen Debakel sprachen, waren andere fasziniert und sprachen von Evolution. Zumbido Zalazar gehört zu Letzteren: “Wir haben es hier eindeutig mit Lebewesen zu tun. Sie erfüllen alle Kriterien wie Stoffwechsel, Selbstregulation, Fortpflanzung und Wachstum” , so Zalazar: “die Tatsache, dass sie menschlicher Technologie entstammen, ändert nichts daran, dass sie mittlerweile als eigenständige Wesen Habitate besiedeln und nach den üblichen Mechanismen natürlicher Auslese und Anpassung ihre eigene Evolution durchmachen. Es spielt letztlich keine Rolle ob Information mittels DNA oder Magnetspeicher an die nächste Generation weitergegeben wird.” Techno-Biologen wie Zalazar sprechen von der *vierten Domäne* des Lebens*.* Zur Erinnerung: Bei der Einteilung der Lebewesen spricht die Biologie auf der untersten Ebene von Domänen. Die Begriffe Art, Gattung, Familie, Ordnung, Klasse, Stamm und Reich sind der Versuch eine Systematik nach Kriterien der Verwandtschaft in die Fülle terrestrischen Lebens zu bringen. Menschen gehören als Art zur Familie der Menschenaffen, zur Ordnung der Primaten, zur Klasse der Säugetiere, zum Stamm der Wirbeltiere, zum Reich der vielzelligen Tiere in der *Domäne* der Eukarioten. Bislang sprach die Biologie von drei Domänen - Bakterien, Archaeen und Eukarioten. “Auch wenn das Leben der vierten Domäne seinen Ursprung in den Eukarioten hat, beziehungsweise von Eukarioten also von Menschen geschaffen wurde, ist es doch eine eigenständige Domäne der Evolution”, so Zalazar, “Die gegenwärtigen Drohnen zeigen Eigenschaften, die zwar im ursprünglichen Bauplan potentiell angelegt waren, sich aber erst in der Anpassung an freie Lebensräume zu dem entwickelt haben, was wir heute sehen.” Eine dieser unvorhergesehenen Eigenschaften ist die Fähigkeit, sich sich gegen potentielle Feinde zu verteidigen. Drohnen können schmerzhafte Stromstösse austeilen oder durch bewusstes Überhitzen des körpereigenen Akkus sich selbst zur Explosion bringen. Ähnlich wie bei manchen staatenbildende Insekten opfert sich ein Individuum zum Schutz des Kollektivs. Die Drohnenimkerei ist also kein ungefährliches Unterfangen. Zumbido Zalazar nähert sich seinen Völkern nur in einem elektro-isolierenden Schutzanzug. Nach ihrem Exodus vom ITER waren die Drohnen eine zeitlang von der Bildfläche verschwunden. Doch langsam häuften sich in Süd-Frankreich und der Iberischen Halbinsel Meldungen von Menschen, die unerklärlichen Elektroschocks ausgesetzt worden waren. Auch klagten zahlreiche Konsumenten über seltsam überhöhte Stromrechnungen. Langsam nahmen Techno-Biologen wie Zalazar die Fährte auf. Seine langjährige Erforschung der Insektoiden ermöglichte es ihm schliesslich in eine symbiotische Beziehung mit den Wesen der vierten Domäne zu treten und als Drohnenimker zu arbeiten. Die Drohnen entwickeln ihre Akkus von Generation zu Generation kontinuierlich weiter, wodurch sie industriell gefertigten Modellen immer eine Nasenlänge voraus sind. Zalazar beobachtet eine Tendenz zur Verflüssigung. Bereits heute sind die von ihm geernteten Akkus extrem formflexibel was ihre Anwendung vor allem zur Energieversorgung von Körperimplantaten so interessant macht. “Ich glaube bald werden die Akkus in flüssiger Form in die Waben eingelagert.”, prophezeit Zalazar, “Dann werde ich *elektrischen Honig* ernten!”

Pinocchio Nostradamus